Biografie der Bohne

Sie ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt: Bereits vor mehreren Tausend Jahren wird die Sojabohne in China zum ersten Mal angebaut, gelangt dann – vermutlich über buddhistische Einflüsse – nach Japan und verbreitet sich in ganz Ostasien. Bis heute ist die eiweißreiche Hülsenfrucht von großer Bedeutung in der asiatischen Esskultur.

Europäische Bemühungen im 18. und 19. Jahrhundert

Nach Europa und Amerika kommt die Sojabohne hingegen erst sehr spät. Ein Grund dafür: Der wärmeliebenden Pflanze ist es in gemäßigten Breiten schlichtweg zu kalt und sie reift nicht aus. Im Jahr 1712 schreibt der westfälische Gelehrte Engelbert Kaempfer nach einer Reise durch Asien erstmals von der Sojapflanze und ihrer vielfältigen Nutzung. Doch obwohl sie daraufhin in verschiedenen Ländern angebaut wird, bleibt sie im 18. Jahrhundert ein exotisches Gewächs in botanischen Gärten. 

Erst im 19. Jahrhundert beginnen europäische Forscher, sich ernsthaft mit der asiatischen Feldfrucht auseinanderzusetzen: Jahre vor Asien und den USA leisten Wissenschaftler aus Frankreich, Deutschland und Österreich Pionierarbeit, als sie die chemische Zusammensetzung der Sojabohne und somit ihren ernährungswissenschaftlichen Nutzen erforschen. Einer der bedeutendsten Vertreter hierbei ist der Wiener Dr. Friedrich Haberlandt: Er macht hunderte von erfolgreichen Anbauversuchen in Süd- und Mitteleuropa. Haberlandt erkennt das Potential der Sojabohne als Eiweißlieferant für die menschliche Ernährung und befindet, dass sie sich „sowohl einfach gekocht, ganz oder als Purée sowie mit Essig und Oel äusserst schmackhaft zeigt.“ (F. Haberlandt: Die Sojabohne) So wie Taifun heute hat schon Haberlandt die Vision, die Sojabohne zu einer bedeutenden Feldfrucht in Europa zu machen. Sein plötzlicher Tod im Jahr 1878 setzt diesen Plänen jedoch ein Ende.

Die "Wunderbohne" erreicht die USA

Stattdessen übernimmt nach dem Ersten Weltkrieg die USA mehr und mehr die führende Rolle in der Sojaforschung, wo die Leguminose bald ihren Durchbruch erlebt. War sie jahrtausendelang Asien vorbehalten geblieben und nur in kleinen Mengen exportiert worden, beginnt die eiweißreiche Bohne mit der aufkommenden Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Äcker der Neuen Welt zu erobern, allen voran die der Vereinigten Staaten: Innerhalb von zehn Jahren steigt die Anbaufläche hier um das Fünffache an. Noch wird die Sojabohne in erster Linie zur Ölgewinnung angepflanzt, Sojamehl gilt lediglich als Nebenprodukt und wird allenfalls vom Industriellen Henry Ford zur Kunststoffherstellung in der Autoproduktion eingesetzt.

Den Aufstieg der Sojabohne verläuft in den USA derart rasant, dass die Landwirte sie ab den 30er Jahren gar als „Goldene Bohne“ oder „Wunderfrucht“ bezeichnen. Als schließlich das Aminosäureprofil der Sojabohne identifiziert wird, beginnt die Karriere von Sojamehl als Futtermittel, Sojaöl wird darüber hinaus vermehrt für die Margarineproduktion eingesetzt.

„Soja für den Blitzkrieg“

Bereits im Ersten Weltkrieg hatte die Sojabohne geholfen, die hungerleidende Bevölkerung zu versorgen, indem Brot und Suppen mit Sojamehl verlängert wurden, und sogar Konrad Adenauer förderte als Bürgermeister von Köln den Anbau der Hülsenfrucht auf öffentlichen Plätzen. Im nationalsozialistischen Deutschland entdeckt dann auch die Wehrmacht die Vorzüge der Hülsenfrucht: Sojamehl dient als wichtiger Energielieferant und Sättigungsbeilage für Bevölkerung und Armee und soll die so genannte „Eiweißlücke“ schließen. Die Soja erhält Deutschland derweil aus der Mandschurei, China. Von Kakaogetränken bis hin zu Wurstkonserven werden zahlreiche Lebensmittel damit gestreckt, außerdem gelangen die Pemmikan-Landjäger zu Berühmtheit: Neben Vollsojamehl enthalten sie alle nötigen Nährstoffe in hochkonzentrierter Form - perfekt also für leistungsstarke Truppen. Das geht soweit, dass die Sojaprodukte als geheime Waffe der Nazis bekannt werden. Noch lange nach dem Krieg haftet Sojabohnen deshalb ein negativer Ruf an.

Soja-Boom in Amerika

Angekurbelt durch ein Gesetz des Präsidenten Eisenhower zur Förderung von Agrarexporten aus dem Jahr 1959, erfährt die Sojaproduktion ab den 60er Jahren einen noch größeren Boom in Nordamerika. In den 1970er Jahren hält sie schließlich Einzug in Südamerika, vor allem in Brasilien. Heute produziert Lateinamerika mehr Sojabohnen als die USA und Kanada. 

Auch in Europa experimentiert man nun mit der Hülsenfrucht: Nach Jahren der Züchtung und zahlreichen Forschungsreisen in die USA und Asien gelingt es dem Schweden Sven Holmberg erstmals, Sorten zu entwickeln, die in nördlicheren Gefilden gedeihen. Holmberg gibt sein Wissen auch an amerikanische Forscher weiter: Sorten wie die Fiskeby (1968) werden in Kanada mit Erfolg zur Züchtung kühletoleranter Sorten eingesetzt (z.B. Maple Arrow 1976). Heute kommen diese Eigenschaften über kanadisches Material wieder zurück nach Europa und werden zur Weiterzüchtung verwendet. Auch in der DDR werden Sojabohnen gezüchtet: Nach der Wende wurde das Material aus dem thüringischen Dornburg an einen Züchter in Österreich verkauft und kam dort in Form der Sorten Dolly, Dolores und Dorena auf den Markt.

Tofu, Miso und Co. in Europa

2000 Jahre nach ihrer Erfindung erhalten asiatische Soja-Lebensmittel endlich auch in Europa Einzug: In den 80er Jahren gründen Europäer zum ersten Mal in der Geschichte zahlreiche Betriebe, in denen Tofu, Sojamilch und Co. produziert werden. Auch der Sojaanbau findet in dieser Zeit nach Deutschland zurück: Zunächst ins warme Süddeutschland, wo die ersten deutschen Soja-Pioniere mit der neuen Pflanze experimentieren. 1980 wird der Deutsche Sojaförderring gegründet, der bis heute den Sojaanbau in Deutschland unterstützt. Ende der 90er Jahre ermuntert Tofu-Pionier Taifun Bio-Bauern, am sonnigen Oberrhein Tofu-Sojabohnen anzubauen, inzwischen gedeihen Taifun-Bohnen auf 1.600 Hektar in Mitteleuropa. Inzwischen breitet sich der  Sojaanbau in Deutschland weiter aus, begünstigt durch die starke Nachfrage nach heimischer, gentechnikfreier Ware: Waren es 2012 noch 5.000 Hektar, waren es 2014 schon doppelt so viel. Unterstützt auch durch die EU-Agrarförderung (Greening) wurden im Jahr 2015 ca. 17.000 ha Anbaufläche erreicht.

Gentechnik und Monokultur

Es sind dies auch Antworten auf die Entwicklungen in Übersee, wo der Sojaanbau in den 90er Jahren ein neues Gesicht erhält: Der Monsanto-Konzern führt Sorten ein, die gegen das Herbizid Roundup resistent sind – und liefert das genannte Herbizid gleich mit. Dem immensen Anbau der Feldfrucht sind nun so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt. Weltweit ist heute der größte Teil der Sojabohnen gentechnisch verändert und die Eiweiß- und Ölpflanze wird auf gewaltigen Flächen in Monokultur angebaut. Ein Ende ist nicht in Sicht: Der steigende Hunger nach Fleisch in der globalisierten Welt, allen voran in Asien, lässt den Bedarf an Soja als Tierfutter immer weiter in die Höhe schnellen. Hier schließt sich der Kreis: Das Land, in dem die Erfolgsgeschichte des vielfältigen Agrarprodukts rund um den Globus einst begann, ist heute sein größter Importeur - Asien.